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Was du vor dem Schreibstart wissen musst – und was du getrost ignorieren kannst

14. Oktober 2026·8 Min. Lesezeit·Sabrina

Vor dem ersten Satz türmen sich die Fragen auf: Muss ich erst eine Outline haben? Erst alles über Genres wissen? Ich erinnere mich noch genau, wie ich selbst vor meinem leeren Dokument gesessen bin und dachte: Ich kann noch nicht anfangen. Ich weiß noch nicht genug. Also habe ich mich vorbereitet. Und vorbereitet. Und noch ein bisschen mehr. Nur geschrieben habe ich nicht. Mittlerweile weiß ich: Ein paar Dinge helfen tatsächlich, bevor du mit einem Roman beginnst. Für vieles andere darfst du dir ruhig noch Zeit lassen.

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Darum geht's

  • Was du vor dem Schreibstart wirklich wissen solltest
  • Welche Vorbereitung dir beim Anfangen hilft
  • Woran du erkennst, ob du dich gerade vorbereitest oder nur den Start hinausschiebst
  • Was du deinem ersten Satz wirklich mitgeben musst
  • Und warum „Ich bin noch nicht bereit“ manchmal einfach Theodor ist

Der Moment vor dem ersten Satz

Du kennst diesen Moment sicherlich auch: Du hast eine Idee, die dich seit Tagen oder sogar Wochen beschäftigt. Eine Figur taucht immer wieder in deinem Kopf auf, du hast eine Szene vor Augen, die du unbedingt aufschreiben möchtest. Eigentlich möchtest du loslegen.

Dann öffnest du dein Dokument… und plötzlich fallen dir all die Dinge ein, die du noch nicht weißt.

Du kennst die Vergangenheit deiner Hauptfigur noch nicht vollständig. Das Ende ist nur eine vage Vorstellung. Beim Plot gibt es noch Lücken und beim Thema bist du dir vielleicht sogar selbst noch nicht ganz sicher. Und irgendwo hast du gelesen, dass man vor dem Schreiben unbedingt wissen sollte, was die Figur will, welche innere Entwicklung sie durchmacht und wie die Story strukturiert ist.

Also fängst du an, diese Fragen zu beantworten.

Du erstellst ein Charakterprofil, recherchierst das Genre, überlegst dir die Handlung und liest noch einen Artikel über Plotstrukturen. Vielleicht legst du dir sogar ein neues Dokument an, in dem du all diese Informationen sammelst.

Das alles kann sinnvoll sein. Die entscheidende Frage ist nur: Hilft es dir gerade wirklich dabei, deine Story zu schreiben?

Denn es gibt einen Punkt, an dem Vorbereitung aufhört, Vorbereitung zu sein, und plötzlich vor allem eines tut: den Moment hinauszögern, in dem du dich dem eigentlichen Schreiben stellen musst.

Was vor dem ersten Satz wirklich hilft

Ich glaube inzwischen, dass du vor dem ersten Satz viel weniger wissen musst, als du denkst. Was ich hilfreich finde, ist zunächst einmal eine Idee, die mich selbst interessiert. Sie muss weder besonders originell noch perfekt durchdacht sein. Ich möchte einfach wissen, warum ich gerade diese Geschichte erzählen möchte und welche Frage mich daran nicht loslässt.

Dazu kommt ein erstes Gefühl für meine Hauptfigur. Ich muss noch nicht ihre gesamte Biografie kennen und auch nicht wissen, wie sie mit zwölf Jahren auf ihren ersten Liebeskummer reagiert hat. Aber ich möchte ein Gefühl dafür bekommen, wer da eigentlich vor mir steht: Was will diese Person? Was beschäftigt sie? Wovor hat sie Angst? Und was könnte sie dazu bringen, ihre bisherige Art, die Welt zu sehen, infrage zu stellen?

Auch die Handlung darf am Anfang noch Lücken haben. Ich persönlich brauche ungefähr eine Richtung, in die ich mich bewegen kann, aber ich möchte mir genug Raum lassen, damit die Geschichte beim Schreiben noch überraschen darf. Manche Entscheidungen lassen sich aus meiner Sicht überhaupt erst treffen, wenn eine Szene vor mir liegt und ich merke, was die Figuren tatsächlich tun.

Genau deshalb versuche ich heute, nicht mehr jede offene Frage vor dem ersten Satz zu beantworten.

Was du getrost ignorieren kannst

Es gibt erstaunlich viele Dinge, die wichtig werden können, sobald du weiter im Schreibprozess bist, die dir aber beim ersten Satz noch nicht helfen müssen. Der perfekte Titel gehört für mich dazu, genauso wie der endgültige Klappentext, die ISBN oder die Frage, ob dein Genre gerade besonders gefragt ist.

Auch ein detailliertes Charakterprofil oder eine perfekt ausgearbeitete Welt können später unglaublich hilfreich sein. Du musst sie aber nicht fertig haben, bevor deine Geschichte überhaupt existiert.

Ich habe lange geglaubt, ich müsste erst möglichst viel wissen, bevor ich anfangen darf. Heute sehe ich das anders, weil mir das Schreiben selbst immer wieder gezeigt hat, dass ein Teil des Wissens überhaupt erst während des Schreibens entsteht. Eine Figur reagiert plötzlich anders als erwartet, eine Nebenfigur bekommt mehr Bedeutung oder eine Szene führt dich an einen Ort, den du beim Planen noch gar nicht auf dem Schirm hattest.

Das ist kein Zeichen dafür, dass deine Vorbereitung nicht gut genug war. Es ist schlicht ein Teil des Prozesses.

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Und dann gibt es noch Theodor

Theodor hat natürlich besonders viel Freude an all den offenen Fragen. Sobald ich anfange, an einer neuen Geschichte zu arbeiten, fällt ihm zuverlässig etwas ein, das ich vorher noch wissen müsste.

Früher habe ich ihm ziemlich oft geglaubt. Heute erkenne ich ihn schneller.

Wenn ich zum dritten Mal einen Artikel über Dramaturgie lese, obwohl ich eigentlich längst weiss, was meine nächste Szene sein soll, dann geht es wahrscheinlich nicht mehr um fehlendes Wissen. Wenn ich mein Charakterprofil immer weiter ergänze, obwohl ich die Figur eigentlich längst gut genug kenne, um mit ihr in eine Szene zu gehen, dann brauche ich vermutlich auch kein weiteres Profil.

Dann brauche ich eher den Mut, das Dokument zu öffnen und anzufangen.

Irmgard ist an dieser Stelle deutlich entspannter. Sie sitzt mit ihrer Tasse Tee daneben und sagt meistens nur: „Fang an. Du kannst später immer noch herausfinden, was du noch wissen musst.“

Ich habe ihr lange nicht geglaubt, weil dieser Satz viel zu einfach klang. Inzwischen glaube ich, dass genau darin etwas Wichtiges steckt: Du musst nicht warten, bis sich alle offenen Fragen aufgelöst haben. Manche Antworten findest du erst, wenn du dich auf den Text einlässt.

Wer Theodor und Irmgard sind?

Das erzähle ich dir in meinem Essay auf Substack.

Lass uns über Theodor reden

Woran du echte Vorbereitung erkennst

Für mich gibt es inzwischen eine ziemlich einfache Frage, wenn ich merke, dass ich wieder in Vorbereitungsschleifen gerate: Bringt mich das, was ich gerade mache, näher an meine Geschichte?

Wenn ich recherchiere, weil ich für die nächste Szene eine konkrete Information brauche, dann hilft mir diese Recherche. Wenn ich mir Gedanken über meine Figur mache und dadurch besser verstehe, warum sie in einer bestimmten Situation so reagiert, dann bringt mich das weiter.

Wenn ich dagegen seit einer Stunde über den perfekten Namen meiner Nebenfigur nachdenke, obwohl ich eigentlich längst die Szene schreiben könnte, sieht die Sache anders aus.

Dann weiß ich meistens, was los ist.

Theodor hat wieder das Steuer übernommen.

Mini-Übung

Dein Startpunkt

Bevor du jetzt noch ein Charakterprofil anlegst oder die zehnte Liste mit möglichen Plotideen öffnest, nimm dir fünf Minuten und beantworte diese drei Fragen ganz spontan. Du musst dabei keine schönen Sätze schreiben und schon gar nicht versuchen, die „richtigen“ Antworten zu finden. Es geht nur darum, herauszufinden, was bereits da ist.

1. Was lässt mich diese Geschichte nicht los?

Schreib auf, was dich an deiner Idee gerade beschäftigt. Vielleicht ist es eine Figur, eine bestimmte Situation, eine Frage oder einfach ein Bild, das immer wieder auftaucht.

2. Was möchte ich über meine Hauptfigur herausfinden?

Was interessiert dich an ihr? Was möchtest du über sie wissen, das du selbst noch nicht beantworten kannst?

3. Was weiß ich schon und was darf ich beim Schreiben herausfinden?

Notiere jeweils ein paar Stichworte. Auf die erste Seite kommt alles, was bereits feststeht. Auf die zweite darf alles, was noch offen ist.

Und dann schau dir beide Seiten an.

Vielleicht stellst du fest, dass du schon viel mehr über deine Geschichte weißt, als du dachtest. Vielleicht ist die zweite Seite aber auch deutlich länger. Beides ist völlig in Ordnung.

Denn genau darum geht es: Du musst nicht alle offenen Fragen beantworten, bevor du anfangen kannst. Du musst nur wissen, welche Frage du als Nächstes mit deiner Geschichte erkunden möchtest.

Und vielleicht ist das genau der Moment, in dem du das Dokument öffnen und deinen ersten Satz schreiben kannst.

hier können ganz viele
Schätze entstehen

Fazit: Du musst dich nicht bereit fühlen

Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meinen eigenen Schreibanfängen mitgenommen habe: Bereit fühlen und bereit sein sind zwei verschiedene Dinge.

Du kannst noch Fragen haben und trotzdem anfangen. Du kannst unsicher sein, ob deine Idee funktioniert, und trotzdem die erste Szene schreiben. Du kannst deinen Plot noch nicht vollständig kennen und trotzdem herausfinden, wohin deine Geschichte gehen möchte.

Der erste Entwurf wird dir ohnehin Dinge zeigen, die du vorher nicht wissen konntest.

Er wird Lücken haben, Umwege machen und wahrscheinlich auch Stellen enthalten, bei denen du später denkst: Was habe ich mir dabei eigentlich gedacht?

Das gehört dazu.

Der erste Entwurf muss noch nicht zeigen, dass du einen fertigen Roman schreiben kannst. Er muss erst einmal entstehen, damit du überhaupt etwas hast, mit dem du weiterarbeiten kannst.

Wenn du also gerade vor deinem leeren Dokument sitzt und darauf wartest, dass sich dieses magische Gefühl einstellt, endlich bereit zu sein, dann würde ich dir heute drei Fragen mitgeben: Was interessiert dich an dieser Geschichte wirklich? Was möchtest du über deine Figur herausfinden? Und in welche Richtung möchtest du dich zunächst bewegen?

Wenn du darauf eine Antwort hast, darfst du anfangen.

Der Rest darf beim Schreiben dazukommen.

Und wenn Theodor dir vorher noch schnell ein weiteres Buch über das Schreiben kaufen möchte, kannst du ihm ja sagen, dass ihr später darüber sprecht.

Er wird ohnehin wiederkommen.

Wer hier schreibt
Sabrina Jordak, Autorin und Gründerin von storify.ing

Sabrina schreibt Romane und weiss, wie es sich anfühlt, in der Mitte eines Manuskripts stecken zu bleiben. Auf storify.ing teilt sie, was ihr selbst geholfen hat, weiterzuschreiben.

Happy storify.ing! Sabrina

Dieser Artikel wurde mit ganz viel Herz in Wien, Österreich geschrieben.

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