Was andere vom Schreiben erwarten – und was es wirklich ist
Es gibt Geschichten, die erzählt uns die Gesellschaft; so oft und so selbstverständlich, dass wir aufgehört haben, sie zu hinterfragen. Als Autorin begegnen sie mir täglich: Sie lauern in Smalltalk-Fragen, in mitleidigen Blicken und in Schlagzeilen über die Zukunft der Arbeit. Heute möchte ich sie beim Namen nennen. Und neu schreiben.
In diesem Blog Post sehen wir uns an, wie sich Erwartungen an das Schreiben bzw. Autor:innen-Dasein in verschiedenen Lebensrealitäten anfühlen und warum dein Weg als Autor:in wertvoller ist, als eine Gehaltsabrechnung jemals ausdrücken könnte ❤️
Drei Mythen, die mich in den Wahnsinn treiben
Es gibt einen Satz, den ich in letzter Zeit öfter höre, als mir lieb ist. Er ist mal neugierig, mal skeptisch, aber er meint immer dasselbe:
Okay… Und davon kannst du leben?
Manchmal folgt ein kurzes Lachen. Manchmal ein mitleidiges Nicken. Manchmal auch diese ganz spezielle Stille – die Sorte Stille, die lauter ist als jede Antwort. Hinter dieser Frage verstecken sich Glaubenssätze, die wir dringend aussortieren müssen:
MYTHOS 1
„Schreiben ist kein richtiger Beruf. Davon kann man doch nicht leben.“
Wer hat eigentlich entschieden, dass Arbeit nur dann „echt“ ist, wenn sie staubtrocken ist oder in einem 9-to-5-Büro stattfindet? Der Wert von Worten lässt sich nicht immer in einer Excel-Tabelle abbilden – aber er verändert die Welt.
MYTHOS 2
„Man hat als Autor:in doch immer Ideen – und Talent hat man, oder hat man nicht.“
Man hat Ideen, oder man hat sie nicht? Falsch. Schreiben ist kein magischer Geistesblitz, sondern Handwerk. Es ist jahrelange, oft erschöpfende Arbeit an der Aufmerksamkeit. Es ist das Training, die Welt präziser zu sehen als andere.
MYTHOS 3
„Mit KI braucht es bald keine Autor:innen mehr.“
Algorithmen können Sätze aneinanderreihen, aber sie können keine Narben schreiben. Sie haben keine schlaflosen Nächte und kein Herzklopfen. Die Frage ist nicht, ob KI schreiben kann, sondern ob wir aufhören, unsere eigene Stimme zu nutzen, nur weil eine Maschine simuliert, sie hätte eine.
Diese Mythen sind nicht abstrakt. Sie begegnen mir am Küchentisch, bei Bankterminen und im Supermarkt. Sie beeinflussen, wie wir uns selbst sehen.
Die Mythen im echten Leben
Die Mami-Variante: Schreiben zwischen Naps
Ich bin gerade zu Hause. Mit einem Baby. Ab Oktober wartet wieder mein „Brotjob“ auf mich – ein fester Rhythmus, klare Strukturen. Was ich bis dahin höre, ist Mythos 1 („Schreiben ist kein richtiger Beruf.“), meistens verpackt in echtes Wohlwollen:
„Du bist ja jetzt eh zu Hause und hast Zeit.
Da kannst du ja endlich mal dein Buch schreiben!“
Dieser Satz entlarvt zwei Dinge: Erstens, dass die Gesellschaft Kindererziehung immer noch für eine Art Urlaub hält. Und zweitens, dass Schreiben als etwas gesehen wird, das man „mal eben so“ macht, wenn man gerade nichts „Richtiges“ zu tun hat. Als wäre es ein netter Zeitvertreib, für den man nur ein bisschen Muße braucht.
Niemand, der weiß, dass ein „Nap“ mal 20 Minuten und mal 1,5 Stunden dauert, würde von „Zeit haben“ sprechen. In diesen Fenstern schreibe ich nicht entspannt – ich arbeite hart. Ich tippe, während mein Ohr am Babyphone klebt. Es ist kein poetisches Versinken; es ist ein hochkonzentrierter Arbeitsprozess unter extremem Zeitdruck.
Wenn Schreiben als Beruf ernst genommen würde, würde niemand erwarten, dass man ihn „nebenbei“ in den unvorhersehbaren Pausen eines Alltags mit Baby erledigt. Doch solange es als „kein richtiger Job“ gilt, bleibt es in den Augen der anderen ein Hobby, für das man ja jetzt „endlich Zeit“ hat.
Die 5-Uhr-Variante: Die gestohlene Stunde
Dann gibt es die, die keinen Babyschlaf als Fenster nutzen, sondern einen 40-Stunden-Job stemmen. Die den Wecker auf 5 Uhr stellen, weil das die einzige Stunde ist, die ihnen gehört, bevor die Welt ihre Ansprüche anmeldet.
Hier schlägt Mythos 2 voll zu: „Man hat eben Talent oder man hat es nicht.“
Dieser Mythos ist gefährlich, weil er so tut, als wäre Schreiben ein passiver Zustand. Als würde man sich an den Schreibtisch setzen, die Augen schließen und die Muse flüstert einem die Bestseller-Sätze ins Ohr. Wer das glaubt, versteht nicht, warum ich mir den Schlaf raube.
Als ich an meinem Roman „Zwei Welten, ein Herz“ geschrieben habe, war mein Tag oft schon halb vorbei, bevor andere ihren ersten Kaffee im Büro tranken. Das war kein „Talent“, das aus mir herausfloss, während ich selig lächelte. Es war das mühsame Ringen um Worte, während der Kopf noch halb im Traum hing. In der Mittagspause habe ich Plotlöcher gestopft; am Wochenende habe ich Partys abgesagt, weil sich das Kapitel noch nicht richtig anfühlte.
Das ist keine Disziplin, die bewundert wird. Es ist eine Entscheidung, die man ständig rechtfertigen muss. Wenn du sagst, du stehst für Sport um 5 Uhr auf, nicken alle anerkennend. Sagst du, du tust es für ein Manuskript, fragen sie: „Setzt du dich da nicht zu sehr unter Druck? Wenn du wirklich Talent hättest, würde es doch auch lockerer gehen, oder?“
Doch die Wahrheit ist: Schreiben ist kein magischer Geistesblitz. Es ist die Entscheidung, der eigenen Vision Vorrang vor dem Schlaf zu geben. Es ist Handwerk. Es ist harte, schwere, eigenwillige Arbeit – egal, wie viel „Talent“ man im Koffer hat.
Die All-in-Variante: Schreiben ohne Sicherheitsnetz
Und dann sind da die, die den Sprung wagen. Ganz ohne Sicherheitsnetz. Die sich bewusst – und manchmal mit zitternden Knien – dafür entschieden haben, das Schreiben nicht nur nebenher, sondern als ihren Weg zu gehen. Sie bekommen Mythos 3 in Reinform serviert: „Hast du keine Angst? Ich meine… mit KI braucht es doch bald keine Autoren mehr, oder?“
Dieser Mythos ist die modernste Form der Entwertung. Er reduziert das Schreiben auf das Produzieren von Content. Als wäre ein Buch nur eine logische Abfolge von Wörtern, die ein Algorithmus genauso gut ausspucken könnte.
Wer so fragt, versteht nicht, warum wir dieses Risiko überhaupt eingehen. Ja, eine KI kann Informationen strukturieren. Sie kann Grammatik perfektionieren. Aber KI schreibt keine Narben. Sie hat keine schlaflosen Nächte, sie kennt keinen Liebeskummer und sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn die Welt um einen herum kurz stehen bleibt.
Die „All-in-Variante“ ist deshalb so mutig, weil sie auf die menschliche Verbindung setzt. In einer Welt, die mit generischen Texten geflutet wird, wird die echte, gelebte Stimme einer Autorin nicht weniger wert, sondern wertvoller.
Wenn die Leute fragen: „Hast du keine Angst?“, dann meinen sie eigentlich: „Warum glaubst du, dass deine Stimme wichtig genug ist, um gegen die Maschine zu bestehen?“ Meine Antwort darauf: Weil Menschen von Menschen gelesen werden wollen. Weil wir uns in den Fehlern und der Verletzlichkeit eines anderen erkennen – Dinge, die eine KI nur simulieren, aber niemals fühlen kann.
Ich werde nicht aufhören, nur weil eine Software so tut, als könnte sie es auch. Und ich glaube, du auch nicht.
Wie wir diese Geschichte(n) neu schreiben können
Mythen verlieren ihre Macht in dem Moment, in dem wir aufhören, uns für unsere Realität zu rechtfertigen. Wir schreiben die Geschichte nicht neu, indem wir lauter argumentieren, sondern indem wir anders leben.
- Wir schreiben sie neu, wenn wir stolz sagen: „Ich schreibe gerade“, auch wenn das Kind daneben schläft und die Wäsche wartet.
- Wir schreiben sie neu, wenn wir den 5-Uhr-Wecker nicht als notwendiges Übel, sondern als radikale Selbstfürsorge für unsere Träume betrachten.
- Wir schreiben sie neu, wenn wir unsere menschliche Unvollkommenheit als unsere größte Stärke gegenüber jeder KI feiern.
Jedes Wort, das du tippst, obwohl die Welt dir sagt, es sei „nur ein Hobby“, ist ein Akt des Widerstands. Wir müssen nicht darauf warten, dass die Gesellschaft uns die Erlaubnis gibt, uns Autor:innen zu nennen. Wir nehmen sie uns einfach – jeden Tag, mit jeder Zeile.
Und wenn du dabei nicht alleine sein möchtest: Ich teile meinen Weg – den echten, ungeschönten – jeden Tag auf Threads:
Komm mit hinter die Kulissen!
Der Weg als Autorin ist oft einsam, aber wir müssen ihn nicht alleine gehen. Wenn du Lust auf ehrliche Einblicke in meinen Schreiballtag hast – inklusive der ungeschönten Momente zwischen Windeln, Wortsuche und dem ganz normalen Wahnsinn –, dann folge mir auf Threads. Dort teile ich täglich, wie ich versuche, die Mythen zu brechen und meine eigene Geschichte zu schreiben.
Ich freue mich auf dich!
Sabrina
Dieser Artikel wurde mit ganz viel in Luzern, Schweiz geschrieben.
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